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Mißbrauch

Dieses Thema hat eine eigene Seite, zum einen, weil es so umfangreich und besonders ist, zum anderen weil es mein Spezialgebiet ist. Ich habe mich selbst mit den Folgen von sexuellem Mißbrauch auseinandersetzen müssen und weiß, was das heißt. Und daß es hilfreich für den eigenen Heilungsprozeß und den der anderen ist, das Schweigen zu brechen und dies öffentlich zu machen.

Denn: die wenigsten Fälle werden bekannt. Manche Dunkelzifferschätzungen gehen davon aus, daß jede dritte Frau und jeder fünfte Mann ein Opfer von sexuellem Mißbrauch ist. Das wäre im Durchschnitt ein Viertel der Bevölkerung, also eine ganze Menge. Wie viele es tatsächlich sind wird nur herauskommen, wenn die Opfer sich zu Wort melden. Fakt ist jedenfalls: sexueller Mißbrauch findet statt, in jeder Bevölkerungsschicht, meist innerhalb der Familie durch nahestehende Personen, durch Männer und Frauen, an Mädchen und Jungen, teilweise über Generationen hinweg.

Für viele ist Mißbrauch noch ein Kavaliersdelikt - so kann man denken, wenn man sich nicht mit den Folgen auseinandersetzen muß. Sexueller Mißbrauch ist aber ein besonders hinterhältiges und grausames Verbrechen. In der Literatur darüber ist oft dabei von Seelenmord die Rede, was die Folgen recht treffend beschreibt.

Erwachsene können Kinder so manipulieren, daß Tatsachen völlig verdreht werden und sich die Opfer schuldig fühlen oder aus Scham das Geschehene verleugnen. Die Betroffenen geraten in einen Teufelskreis - sie werden massiv daran gehindert, ihrem Gefühl zu vertrauen, indem ihnen eine Situation aufgezwungen wird, die sie nicht beurteilen können; sie richten die negativen Gefühle aus dieser Situation gegen sich selbst, weil kein offensichtliches Unrecht vorliegt, verlieren das Vertrauen in sich selbst und ihre Mitmenschen und können sich niemandem mitteilen. Solche Erlebnisse können sich zu einem Virus entwickeln, der das ganze Denken infiziert und das ganze weitere Leben bestimmt. Der Mißbrauch muß irgendwie in das eigene Welt- und Selbstbild integriert werden, das geschieht häufig durch die Suche der Schuld an sich selbst, weil dies nicht rational erklärbar ist. Dieses oder ähnliches Verhalten sind Überlebensstrategien und oft das einzige, was ein Mensch in so einer Situation tun kann. Sie können in der Kindheit das Leben retten, im Erwachsenenalter jedoch krank machen und den wenigsten gelingt es, das aus eigener Kraft zu ändern.

Opfer von sexuellem Mißbrauch werden in der Literatur öfter als Überlebende bezeichnet, denn es gibt auch Menschen, die so etwas nicht überleben. Ich werde diesen Ausdruck auch verwenden, er klingt positiver.

Viele Überlebende können sich gar nicht vorstellen, daß es für sie überhaupt Heilung gibt oder wie diese aussehen kann. Das Thema ist sehr komplex - was für mich dabei wichtig ist, zeigt der folgende Überblick:

Anerkennen, was ist

Mißbrauch ist ein Verbrechen. Die Täter können dafür eine mehrjährige Gefängnisstrafe erhalten, was allerdings selten passiert. Wer ein Opfer eines solchen Verbrechens geworden ist, wird Hilfe brauchen. Kein Kind hat irgendeine Schuld daran, auch dann nicht, wenn es sich nicht gewehrt hat, aus Neugierde mitgemacht hat oder sogar Lust empfunden hat. Schuld ist immer der Erwachsene, der ein Kind mißbraucht.

Sich professionelle Hilfe suchen

Überlebende haben oft das Vertrauen in ihre Mitmenschen verloren und wollen meist alles alleine schaffen. Sie mußten viele Jahre alleine damit zurechtkommen, und das in einem Umfeld, das oft auf Verdrängung der Tat ausgerichtet ist. Daher müssen sie wieder lernen, Hilfe anzunehmen. Das geht am besten mit einer neutralen Person, deren Beruf es ist, diese zu bieten. Heilung können wir nicht von unseren Partnern oder nahestehenden Menschen erwarten, das geht meistens schief.

Sich die Zeit nehmen

Niemand kann sagen, wie lange so was dauert. Wer da raus will, wird das nicht in ein paar Tagen erledigt haben. Es gibt große Sprünge, kleine Schritte und auch Rückschritte. Heilung braucht hier einfach viel Zeit. Und zwar so viel wie nötig. Dies muß man sich eingestehen. Ich achte darauf, daß der äußere Rahmen stimmt und nicht von außen dadurch zusätzliche Belastungen entstehen. Das heißt, die Lebensumstände so verändern, daß genug Raum dafür ist, den Mißbrauch zu bearbeiten.

Das Schweigen brechen

Es braucht erst einmal den Mut, das Schweigen zu brechen und das anzuerkennen, was ist, nämlich daß man das Opfer eines grausamen Verbrechens geworden ist. Damit meine ich erst einmal das Schweigen im Innern. Oft genug ist die Verdrängung so stark, daß man selbst daran zweifelt. Ich bin fest davon überzeugt, daß sich kein Mensch eine solche Geschichte ausdenkt. Mit der Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen ist eine andere Sache. Aber sie kann auch heilsam sein und wichtig, damit die Mitmenschen verstehen, was Überlebende durchmachen. Ich würde aber niemanden dazu drängen.

Partner und Familie mit einbeziehen

Ich habe ein Merkblatt für die Partner und Familienmitglieder geschrieben, da ich es für sehr wichtig halte, daß diese Menschen wissen, was da gerade passiert und sie dadurch besser damit umgehen können. So können sie vielleicht helfen, zusätzliche Freiräume zu schaffen. Partner oder Familienmitglieder können Überlebende nicht heilen, auch wenn sie das noch so gerne tun würden. Das geht nach hinten los. Aber sie können mithelfen, die äußeren Umstände entsprechend zu gestalten.

Vertrauen in das Gefühl wieder finden bzw. Gefühle spüren

Grundsätzlich gehe ich davon aus, daß der Mißbrauch das Vertrauen in das eigene Empfinden zerstört. Da dies in einer sehr prägenden Phase des Lebens passiert, haben Überlebende keine andere Wahl als ihr ganzes Leben auf dieser Erfahrung aufzubauen. Das heißt, alles, das Selbstbild, die Beziehungen, die berufliche Orientierung, die Sexualität usw. wird vom Mißbrauch mitbestimmt. Zu allem kommt auch noch eine sehr gut funktionierende Verdrängung, die ja ein Teil der Überlebensstrategie ist. Überlebende sollten lernen, ihre Gefühle wieder wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen. Auch sie haben nichts anderes, auf das sie sich verlassen können. Und das bei diesem Thema erst einmal Trauer, Wut und Haß hochkommt, kann sehr heilsam sein, denn diese Gefühle wollen gelebt werden.

Gefühle nicht mehr bewerten

Wut und Haß sind nur in unserer Bewertung negative Gefühle - ich halte sie für gleichberechtigt zu allen anderen und finde es gesund, auch ihnen Ausdruck zu verleihen. Überlebende werden oft darauf gedrillt, eigene Gefühle als falsch anzusehen und zu glauben, Erwachsene wissen, welche Gefühle richtig und falsch sind. Das ist Teil des Mißbrauchs, ohne das würde er nicht funktionieren. Die meisten Menschen schaffen erst im Erwachsenenalter, das wieder richtig zu stellen. Fakt ist, daß viele Menschen krank werden, weil sie ihre Gefühle nicht rauslassen.

Aufhören, sich selbst zu mißbrauchen

Das prägende Gefühl, das den Opfern mit auf den Weg gegeben wird, ist ein mißbrauchtes Kind zu sein. Bei den meisten Menschen bleibt dieses Gefühl bestehen. Das künftige Leben wird aus einer Opferperspektive gestaltet und tief im innern bleibt eine Akzeptanz, Opfer zu sein. Für mich ist dieser Zustand ein Aufrechterhalten des Mißbrauchs, so als wäre das Denken von einem Virus verseucht und auf Mißbrauch programmiert. Die Opfer führen also den Mißbrauch weiter, indem sie sich unbewußt immer noch als Opfer verhalten und sich z.B. entsprechende Partner suchen oder ihren Kindern/Mitmenschen keine Grenzen setzen können und dadurch von ihrer Umwelt weiter ausgebeutet werden. Sie mißbrauchen sich quasi selbst, indem sie als Opfer auf ihre Umwelt reagieren anstatt als selbstbewußte Persönlichkeit zu agieren. Hier gilt, die Opferrolle aufzugeben und sich irgendwann nicht mehr als mißbrauchtes Kind sondern als geheiltes Kind wahrzunehmen.

Die Nebentäter erkennen

Oft ist der Täter/die Täterin oder die Tat an sich nur die Spitze des Eisbergs und die Opfer wurden über Jahre hinweg schon auf ihre Rolle vorbereitet, indem sie darauf gedrillt wurden, daß ihre Gefühle falsch sind, daß Erwachsene über sie bestimmen können und daß es normal ist, als Kind für die Belange der Erwachsenen benutzt zu werden. Die Rolle derjenigen, die zwar nicht direkt an der Tat beteiligt waren aber diese durch ihr Verhalten begünstigt haben, sollte beleuchtet werden. Auch sie müssen Teil dieser Auseinandersetzung sein, denn sie haben ihren Teil dazu beigetragen.

Macht über das eigene Leben zurückbekommen

Für viele Überlebende ist der Begriff Macht negativ besetzt, was ja kein Wunder ist, da sexueller Mißbrauch auch immer ein Machtmißbrauch ist. Dieser Mißbrauch hat jedoch immer noch eine Macht über das Leben der Betroffenen und dort möchte ich ansetzen. Geheilt sind Überlebende, wenn sie die Macht über ihr Leben zurück bekommen haben.

Warum ich?

Meist wird der Mißbrauch verdrängt, bis das Leben sich meldet und in Form von Krankheiten oder dem Zusammenbrechen des Gewohnten daran erinnert, daß diese Auseinandersetzung noch ansteht. In dieser Situation kommt die große Verzweiflung, denn nicht nur, daß die Last eines Mißbrauchs zu tragen ist, jetzt kommt es noch schlimmer. Das ist für viele aber der einzige Weg der Heilung, denn freiwillig stellt sich kaum jemand diesem Thema. Solche Krankheiten oder Krisen sind dann ein Bild für den inneren Zustand und zeigen, welchen Einfluß der Mißbrauch auf das Leben der Betroffenen noch hat. Sie sind dann das Signal, sich endlich diesem Thema zu stellen. Niemand kann dem auf lange Sicht ausweichen.

Verzeihen kommt zum Schluß

Es gibt Ansätze, bei denen darauf hingearbeitet wird, den Tätern zu verzeihen bzw. wird dort behauptet, ohne zu verzeihen könnte keine Heilung stattfinden. Oder Überlebende meinen, durch das Verzeihen allein wären die Probleme gelöst. Das muß ich ganz entschieden ablehnen, weil so der Mißbrauch aufrechterhalten wird und die Betroffenen gezwungen werden, weiterhin ihrem Gefühl, verletzt worden zu sein, zu mißtrauen. Vergebung kann irgendwann stattfinden. Sie kann aber niemals der alleinige Zweck einer Therapie sein oder als Grundlage der Heilung angesehen werden. Ich habe auch schon mit Menschen gearbeitet, die behauptet haben, dem Täter bereits verziehen zu haben. Mit der Zeit kam jedoch heraus, daß sie sich vor ihrer Wut gefürchtet haben und sich das deswegen eingeredet haben.

Ich bin fest davon überzeugt, daß wir uns alles, was uns damals genommen wurde, wieder zurückholen können. Ein erfülltes Leben ist auch mit einer solchen Vergangenheit möglich. Auch hier ist der erste Schritt, das Geschehene anzunehmen und daraus den eigenen Lebensweg zu entwickeln. Damit verliert die Vergangenheit ihre lähmende Kraft und es wird wieder möglich, sich auf die Zukunft auszurichten.

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